Die Causa Rammstein geht ins nächste Kapitel
Es könnte schon vorbei sein, die Empörung über Rammstein.
Ein bisschen heiße Luft, das wars.
Ungehindert macht die Band weiter mit ihrem Programm.
Danach gehts ins munter zum Feiern ins KitKat.
"Es gibt ja keine Beweise."
"Es gilt die Unschuldsvermutung."
(Der beliebte kinky Club Kitkat hat sich indes schon länger ins Aus geschossen, nicht nur jetzt mit dem Einlass von Lindemann. Auch bleibt bis heute eine ordentliche Distanzierung von Querdenker und Freund der extremen Rechten Captain Future aus.)
Und da war doch noch was mit Feine Sahne Fischfilet?
Machen wir das Bild doch etwas breiter und werfen einen Blick auf die Band Feine Sahne Fischfilet.
Eine unbekannte Gruppe hatte dem Sänger der Band, Monchi, über einen Social Media Account sexualisierte Gewalt vorgeworfen.
Hier schmerzt zumindest mich der Vorwurf irgendwie mehr. Denn hier ist es keineswegs eine Band, die mit frauenfeindlicher Ästhetik spielt. Im Gegenteil: Bei FSF geht es um Punk, die Gruppe engagiert sich gegen Rechtsruck und für die Seenotrettung. Sind diese Menschen die Heiligen, für die ich sie sehr gerne halten würde?
Feine Sahne Fischfilet also wird mit dem Vorwurf von sexualisierter Gewalt konfrontiert. Die Band, so formuliert es ein Artikel im Nordkurier, "musste sich gerichtlich wehren." Das Landgericht Stralsund stufte die Anschuldigungen als Verleumdung ein, der Social Media Account musste gesperrt werden. Da macht sich mir in jedem Fall die folgende Frage auf:
Was heißt denn eigentlich, dass die Band sich "gerichtlich wehren musste"?
Man könnte auch sagen: Die Band machte die Opfer-Initiative mundlos.
Ja, das ist vielleicht ein gewagtes Statement. Zumindest wenn ich an die vielen Männer denke, die ich kenne. Sie sind in großer Sorge darüber, auch einmal Opfer von ungerechtfertigten Anschuldigungen zu werden.
Es ginge ja so schnell, Opfer von einer solchen Anschuldigung zu werden.
Da weiß Mann ja gar nicht mehr, wie er sich verhalten soll!
Schauen wir uns doch einmal die Opfer an, konkret die von Feine Sahne Fischfilet.
Sexualisierte Gewalt – das hört sich erst einmal ziemlich abstrakt an. Aber es geht hier um Einzelschicksale. Um Verbrechen, die, wenn sie so statt gefunden haben, die betroffenen Menschen vermutlich ein Leben lang begleiten werden.
Der Versuch einer Einordnung
Warum hat FSF recht bekommen?
Weil es ziemlich schwer ist, solche Verbrechen zu beweisen. Es steht am Ende Aussage gegen Aussage.
Warum waren die Anschuldigungen anonym?
Vielleicht nicht, weil man sich einfach zusammen gerottet hat, um der Band aus reiner Missgunst zu schaden. Sondern weil es sich hier um Verbrechen handelt, die die Intimsphäre verletzen. Kein Opfer sollte gezwungen werden, sich öffentlich mit seinem Schmerz hinzustellen.
Hat das Vorgehen von FSF einen faden Beigeschmack?
Ja, aber klar. Nicht nur, dass sich die Band derzeit penetrant feiert für ihr tolles Engagement. Es ist anzunehmen, dass die Band mehr Geld für gute Anwälte hat. Die Band hat sich mit dem Gang vor Gericht patriarchaler Strukturen bedient, um sich selbst den Weg frei zu machen.
Und was ist jetzt mit der Unschuldsvermutung!?!?
Sagen wir es mal so: Diese tritt natürlich in Kraft vor Gericht. Eine Tat, die nicht bewiesen werden kann, darf nicht zur Verurteilung führen. Das bedeutet aber lediglich, dass es keine Verurteilung gab. Dass die Tat nicht bewiesen werden konnte. Es bedeutet nicht, dass die Tat nicht begangen wurde.
Das bringt uns als Fans natürlich in ein Dilemma. Wir schweben im Nichtwissen umher, haben keine Klarheit mehr.
Und jetzt auch Anti-Flag
Besonders schmerzlich hat es mich dann erwischt mit den News von Anti-Flag.
Ich habe die Punkband spät entdeckt, 2018 auf dem NOFX-Festival in Berlin. Ich bin ja erst mehr im Punk drin, seitdem ich meinen Mann kenne.
Diese Woche nun beschuldigte ein Fan den Sänger der Band, Justin Sane, der sexuellen Gewalt. Ich bin verwirrt. Anti-Flag? Ausgerechnet?
Man kann hier zumindest soviel sagen:
Die Punkszene reagierte im Vergleich zum Rammstein-Milieu äußerst reflektiert. Die Band selbst löste sich über Nacht mit sofortiger Wirkung auf und löschte alle Social Media Accounts. Auch der Patreon-Account steht still. Eine Stellungnahme bleibt noch aus.
Es ist ein schwacher Trost.
Was bleibt?
Der Schmerz der Opfer.
Die Solidarität mit dem Schmerz der Opfer.
Eine heimliche Frage:
War das früher etwa normal? Haben wir es nur nicht gemerkt?
Vielleicht haben wir es ja gemerkt, aber wir waren nicht laut genug?
Und wieder einmal eine Ahnung. Auch im Jahr 2023 haben wir gesellschaftlich noch nicht geklärt: Wo fängt eigentlich Gewalt an?
Ein ganz heißer Tipp:
Mein Mann hat mich vor dem ersten Kuss gefragt.
"Darf ich dich küssen?"
Photo Credit: Vladimir Pogonariu